Wir mussten etwas suchen, um die Person zu finden, die wir für die Piratenpartei zu Kandidaten-Check-Interview bitten konnten: Anders als seine Kollegen – allen voran die beiden Platzhirsche Krems (SPD) und Petersen (CDU), die mittlerweile wirklich an jedem Laternenmast kleben – sieht man von John Ovali nämlich weder Nase noch Namen von Wahlplakaten prangen. Die politischen Freibeuter werben generell nicht mit Köpfen, sondern einzig mit Auszügen ihres Wahlprogramms. Das macht in der aktuellen Situation auch mehr Sinn, erklärt Ovali. „Keiner von uns wird direkt ins Parlament einziehen können“, dafür sei man zu klein – noch. Also nutze man doch lieber die Chance, auf die eigenen Inhalte aufmerksam zu machen.

Gefunden haben wir die Kontaktdaten des Flingeraner Piratens natürlich im Netz, als Treffpunkt hat er das „Goldene Fass“ an der Dorotheenstraße vorgeschlagen. Und da sitzt er jetzt, an einem der dunklen Tische, ein Alt vor sich, das iPhone direkt daneben. Wir staunen ein wenig, denn so haben wir uns ein Mitglied der Internet-Revoluzzer-Partei nicht vorgestellt. Kein verschrobener, weil ständig nur vor seinem Rechner klebender Programmierer, die Flecken der letzten Pizza noch auf der Hose, sondern ein ganz normaler Gast in Jeans und Lederjacke.

John Ovali ist Anfang vierzig, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er hat Verwaltungswissenschaften studiert, lange im IT-Bereich gearbeitet, heute ist er Vertriebsbeauftragter einer Software-Firma und somit viel unterwegs. „Mir waren Menschen immer wichtiger als Maschinen“, sagt er.

Ovalis Familie stammt übrigens weder aus England noch aus Afrika – was man angesichts seines seltenen Namens vermuten könnte: Ovalis Mutter ist Deutsche, in den sechziger Jahren ging sie (sozusagen entgegen dem damaligen Trend) aus beruflichen Gründen in die Türkei, wo sie sich verliebte und auch heiratete. 1966 kamen Ovalis dann zurück nach Deutschland. Einen besonderen Bezug habe er nicht zu dem Land, sagt der Piraten-Politiker, natürlich habe er sich viel mit der Geschichte und der Entwicklung des Landes beschäftigt. Aber wenn er hinfährt, dann als ganz normaler Tourist, türkisch spricht er nicht.  „Vielleicht liegt es dennoch an der besonderen Familiengeschichte, dass ich in vielem toleranter eingestellt bin.“

Wo wir mitten im Thema sind: Wie sind sie denn eigentlich, die Piraten? „Demokratisch, zukunftsorientiert, bildungsbewusst“, sagt Ovali sehr schnell. Das hat er wohl schon häufig erklären müssen. Man sei keine Partei von Verrückten, auch die Grünen hätten mal klein angefangen und waren zunächst die, die sich für Wale engagierten. In NRW gibt es viele Piraten, besonders in Düsseldorf und Münster. Mehr als die Hälfte der ersten 30 Kandidaten, die auf der Liste für den NRW-Landtag stehen, verdienen ihr Geld im Bereich Internet. Piraten sind aber auch Lehrer, Anwälte, Ärzte. „Das Gros stammt aus bildungsnahen Kreisen“, nennt das Ovali.

Die Piraten wollen die negativen Seiten, die durch die rasante Entwicklung des Internets entstanden sind, lösen – bei der Diskussion um die Sperrung der Internetseiten mit pornographischen Inhalt vertreten die Freibeuter etwa die Maxime „Löschen statt sperren“. Sie sind gegen die permanente Datenüberwachung und gegen Videokameras auf allen öffentlichen Plätzen. Auf der andere Seite wollen die Piraten verhindern, dass das Internet prinzipiell verteufelt wird.

Ein wichtiges Thema für die selbsternannten „größten Partei im Web“ ist der Bereich Bildung. „Ihr gehört ein viel höherer Stellenwert in der heutigen Zeit. Nur so kann sich die Gesellschaft frei entwickeln“, sagt Ovali. Studiengebühren seien zum Beispiel eine Katastrophe. Das Engagement für Bildung und eine soziale Politik der Piraten sei sicher auch der Grund, warum Flingern sein Kreuzchen bei den Piraten machen sollte. Ovali: „Wir sind eine Partei zum Mitmachen und Mitreden, die Gestaltungsmöglichkeiten sind einfach sehr groß.“

Biographie John Ovali

Politisch:

seit August 2009 Mitglied der Piratenpartei

Beruflich:

Studium der Verwaltungswissenschaft

seit 1982 in der IT-Branche tätig

Privat:

Wohnhaft auf der Grenze Gerresheim / Flingern, verheiratet, 2 Kinder

Wer mehr wissen will: Hier das Wahlprogramm der Piratenpartei.

Übrigens: Hier endet unsere hübsche kleine Serie zum großen Wahltag am morgigen Muttertag!

Veronika Dübgen, die Kandidatin der FDP hat es immer noch nicht geschafft, auf unsere Interview-Anfrage zu antworten – und jetzt auch die einzige Kandidatin für Flingern, die es wohl für unnötig hielt, mit uns zu reden. Wir finden: Schade, schade! Spricht nicht gerade für sie….